Ohne Zweifel…
war Peter Roses fundierter Vortrag über Paul Celan eine gelungene Einleitung zur Vorstellung des Buches über das Projekt Stolpersteine in der Buchhandlung Junius am Mittwoch Abend.
Ohne Zweifel…
ist das Buch “Vor meiner Haustür – Stolpersteine – von Gunter Demnig” aus dem Gelsenkirchener Arachne Verlag inhaltlich und gestalterisch vorzüglich…..
Ohne Zweifel …
ist Ludwig Baum ein begnadeter Rezitator und traf eine äußerst kluge Textauswahl, löste die Bedrückung gelungen durch Texte mit Beispielen jüdischen Humors auf…
Ohne Zweifel….
war die Veranstaltung mit 60 Personen sehr gut besucht…..
Aber:
welchen Sinn macht eine Kultur des Erinnerns mit 60 Menschen, deren Altersdurchschnitt knapp unter 70 Jahre lag und die sich sicherlich nicht zum ersten mal gefühlsmäßig, intellektuell, politisch und kulturell mit der Shoa auseinander gesetzt haben?
Rückblickend die Verbrechen zu verurteilen ist eine einfache Übung die nichts kostet, zumal es keine rückwirkende Nagelprobe in Sachen eigener Zivilcourage und Anständigkeit gibt.
Wie schön wäre doch eine Erinnerungsveranstaltung, die gekoppelt wäre mit der Auseinandersetzung mit den eigenen kleinen und großen Schwächen und dem Dunklen in uns allen. Die Ursachen des Faschismus sind vielfältig – neben der üblichen Verantwortungsdiffusion (das System, die Struktur, die Ökonomie usw.) kann, darf, soll und muss jeder sich und sein eigenes Verhalten auf den Prüfstand stellen.
Ich habe jedenfalls amüsiert-melancholisch zur Kenntnis genommen, dass Werner, der Künstler der nicht mehr mit mir spricht weil ich ihn nicht zum Projekt “Abgehängt” einlud, ebenso anwesend war wie Marie, die nicht mehr mit mir spricht, weil ich über Konflikte reden wollte, statt sie auszusitzen.
Heike, die mir zusammen mit Andreas öffentlich die Unterstützung von Pädophilen vorwarf (!) war auch da. Erstklassiger Rufmord an mir, um sich selbst als moralisch Edle zu stilisieren. Holocaust-Erinnerungs-Profiteure dürfen das wohl. Vielleicht hat den Beiden diese Mischung aus rührseliger Betroffenheit, persönlicher Eitelkeit und Sucht nach dem Ansehens-Benefit den Blick darauf verstellt, dass sie sich hier eines üblen Nazi-Propaganda-Tricks bedienen. Jedenfalls klagen die viel an, nehmen es mit der eigenen persönlichen politischen- und Psychohygiene aber nicht so genau.
Wer war noch da? Ach ja Elena… – kurz – all die Kommunikations- und Verhaltensexperten, die ausblenden wie die eigene Eitelkeit & Angst, wie Gruppendruck und ihr Umgang mit Minderheiten so wie schon vor 80 Jahren Basis für totalitäres ist.
Ich bin gespannt, ob es auch mal Erinnerungsveranstaltungen geben wird, die von Gestern auf Heute kommen, vom “die da damals” zum “wie verhalte ich mich selber heute” finden …..
H. Peter Rose
Von der Notwendigkeit des Erinnerns
Vorstellung des Begleitbuches
von Joachim Rönneper
Vor meiner Haustür –
„Stolpersteine“ von Gunter Demnig
am 27. Oktober 2010 in der
Gelsenkirchener Buchhandlung Junius
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I. Paul Celan und die Entstehung der „Todesfuge“
Den Text der einleitend von Ludwig Baum vorgetragenen „Todesfuge“ hat Paul Celan 1944/45 zwischen Krieg und Frieden, Terror und Befreiung aufgeschrieben, nachdem sowjetische Truppen seine Heimatstadt Czernowitz an der rumänisch-ukrainischen Grenze in der Bukowina besetzt und Krieg und Nazi-Terror beendet hatten. Geblieben waren ihm nur noch wenige Überlebende in einer aus den Fugen geratenen Welt. Europa hatte einen historischen Tiefpunkt erreicht. Von Zukunft konnte keine Rede sein. In dieser Situation der Irrungen und Wirrungen, versuchte der 25jährige Paul Celan, in Worte zu fassen, was ihn bewegte, und zu einem lyrischen Kunstwerk zu formen. Entstanden ist ein verrätseltes poetisches Gedicht, das uns immer wieder die Sprache verschlägt, wenn wir es hören oder lesen und seinen Inhalt bedenken.
Ein kurzer Blick auf den Lebenslauf von Paul Celan soll veranschaulichen, was sein Leben bis dahin geprägt hat und somit auch in seiner „Todesfuge“ drinsteckt:
Am 23. November 1920 als Sohn deutschsprachiger jüdischer Eltern geboren, wächst er bis zum Abitur in Czernowitz auf. Schon früh weckt und entfaltet die Mutter in ihm die Liebe zur deutschen Literatur. Miteinander wetteifern sie im Zitieren deutscher Klassiker. Die Mutter besteht darauf, dass zu Hause nur Schriftdeutsch gesprochen wird. Der Sohn lernt in der Schule Rumänisch und – auf Verlangen des Vaters – bei einem Hauslehrer Hebräisch. Der sprachlich also gut integrierte Celan verfasst bereits mit sechzehn Jahren eigene lyrische Texte in deutscher Sprache, die ihm durch die „Muttermilch“ im wahrsten Sinne zur „Muttersprache“ geworden ist.
Seine Heimat, die Bukowina, so wird er später einmal sagen (Zitat:) „…war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“. Und ich füge hinzu: Es war eine von deutschsprachigen, jedoch nicht von deutschen Juden geprägte Kulturmetropole. Der jüdische Bevölkerungsanteil lag bei mehr als 30 %.
Als Schüler macht er seine ersten Erfahrungen mit dem Judenhass, der sich nach dem 1. Weltkrieg in den Staaten der ehemaligen Donaumonarchie Österreich-Ungarn und in Deutschland ausbreitet und zunehmende Pogromstimmungen erzeugt. Wegen antisemitischer Übergriffe wechselt er vom Oberrealgymnasium in ein Staatsgymnasium mit überwiegend jüdischen Schülern. Nach dem Abitur zieht es ihn 1938 nach Frankreich, in das Land der europäischen Avantgarde von Kunst und Literatur; er studiert in Tours Medizin. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges zwingt ihn 1939 zur Rückkehr nach Czernowitz. Hier beginnt er ein Romanistik-Studium.
Aber der Krieg verändert alles. Der Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin schlägt 1939 den nördlichen Teil der rumänischen Bukowina der Sowjetunion zu. Die Abtretung wird im Sommer 1940 vollzogen. Damit beginnt auch in Czernowitz die Sowjetisierung mit Verhaftungen, Enteignungen und Deportationen. Davon sind vor allem Juden betroffen.
Ein Jahr später überfällt die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion und marschiert auch in Czernowitz ein. Den Juden werden sofort die Bürgerrechte abgesprochen und sie müssen Zwangsarbeit leisten. Das Tragen des gelben Judensterns wird zur Pflicht. Es folgen zunächst „Umsiedlungen“ ins Ghetto und dann Verschleppungen in Arbeitslager. Paul Celan wird 1941 zur Zwangsarbeit im Straßenbau verpflichtet. Seine Eltern werden 1942 in ein Arbeitslager nach Transnistrien (Ukraine) verschleppt. Dort stirbt der Vater im Herbst an Typhus; die Mutter wird im Frühjahr 1943 durch Genickschuss „hingerichtet“.
Als 1944 die Rote Armee zum zweiten Male Czernowitz erobert, sind die Eltern tot. Auch die meisten seiner verschleppten Verwandten, Freunde und Bekannten kommen nicht mehr zurück; sie sind tot oder vermisst. Er muss nun wieder (Zitat:) „den Antisemitismus in seiner sowjetischen Spielart“ ertragen, kann aber als Arzthelfer in einer Klinik und als Übersetzer seinen Lebensunterhalt bestreiten.
Er hat überlebt. Wie für viele Juden gilt auch für Paul Celan die jüdische Devise „Weitermachen!“ Aber wie? Denn – die Erinnerung an das erlebte grausame Geschehen treibt in um, raubt ihm den Schlaf und quält seine Seele. Doch als Jude weiß er um die Bedeutung von Sprache und Schrift für das Erinnern und gegen das Vergessen. Daran arbeitet er sich mit seinen sprachlich-künstlerischen Mitteln daran ab.
Er sucht und findet ungewöhnliche Sprachbilder und Wortmelodien und verarbeitet sie zu lyrischen Texten, um sowohl seine Lage zu klären als auch die Sinne und den Verstand der anderen und der Nachgeborenen zu aktivieren, weil das Erinnern an ein unvorstellbares, unglaubliches Geschehen für die Zeit danach erhalten bleiben muss.
1945 verlässt Paul Celan Czernowitz, zieht zunächst nach Bukarest, dann weiter nach Wien und wird schließlich 1948 endgültig in Paris als Schriftsteller und Lyriker sesshaft. Es ist kein leichtes Leben, und Lyrik ist ein hartes Brot. Er muss sich weiter Durchbeißen. Im Nachkriegsdeutschland findet seine Lyrik so gut wie keine Beachtung.
Die „Todesfuge“ hatte zunächst keinen Titel. 1947 erscheint das Gedicht zum erstenmal in rumänischer Übersetzung in einer Bukarester Zeitschrift unter dem Titel „Todestango“. Ein Kommentar begründet das damit, dass ein SS-Leutnant in einem Lager bei Czernowitz jüdischen Geigern befohlen habe, bei Märschen, Folterungen, Hinrichtungen und beim Gräberschaufeln, einen Tango mit neuem Text als ‚Todestango’ zu spielen.
Anfang der 1950er Jahre trifft ihn, den Lyriker deutscher Sprache, das Verdikt von Theodor W. Adorno:
„…nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch…“ (1951). Celan notiert dazu: „Kein Gedicht nach Auschwitz (Adorno): was wird hier als Vorstellung von ‚Gedicht’ unterstellt? Der Dünkel dessen, der sich untersteht hypothetisch-spekulativerweise Auschwitz aus der Nachtigallen- oder Singdrossel-Perspektive zu betrachten oder zu berichten…“ Trotz beiderseitiger Bemühungen kommt es zu keiner Verständigung.
Offenkundig tickt auch die literarische Elite im Nachkriegsdeutschland anders: Während der 10. Tagung der „Gruppe 47“ im Mai 1952 in Niendorf trägt auch der eingeladene Paul Celan seine Gedichte vor. Sie stoßen auf wenig Verständnis. Einige Teilnehmer machen sich sogar in infamer Weise über Paul Celan lustig. Hier ist für Lyrik oder Poesie kein Platz, sondern Neo-Realismus angesagt. Der wohl größte deutschsprachige Lyriker ist zutiefst verletzt und wird von jüngeren Autoren getröstet.
Daran ändert auch die Ende 1952 erschienene Gedichtsammlung „Mohn und Gedächtnis“ nichts. Er schreibt, weil er muss, dennoch weiterhin Gedichte und Essays in seiner geliebten deutschen Muttersprache – bis zum bitteren Ende. Um den 20. April 1970 herum ertränkt sich der staatenlose Paul Celan in seiner Wahlheimat Paris in der Seine.
Auch Primo Levi, ein italienischer Jude, hat in seinen Büchern aufgeschrieben, was er in Auschwitz erlebt hat und wie schwer ihm das Überleben geworden ist. In seinem letzten Buch „Die Untergegangenen und die Geretteten“, erschienen 1986, findet sich die verzweifelte Feststellung: „Nicht wir, die Überlebenden, sind die wirklichen Zeugen (…) Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine Minderheit: wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glücks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.“ Ein Jahr später, 1987, beendet auch Primo Levi sein Leben selbst.
II. Kunst schafft Fixpunkte des Erinnerns
Mit der „Todesfuge“ hat uns Paul Celan ein Gedicht hinterlassen, in dem er das willkürlich herbeigeführte Leiden und Sterben von Millionen geschundener Menschen mit seinen künstlerischen Mitteln, der Lyrik, stimmig und spürbar zum Ausdruck bringt. Er hat auf der „Höhe der Zeit“ ein künstlerisches Zeitdokument geschaffen, das mittlerweile zu einem zeitlosen Kunstwerk für das Erinnern geworden ist. Solche Fixpunkte, an denen sich Erinnern festmachen lässt, können Werke der Literatur und der bildenden Kunst schaffen. Das ist sowohl bei der „Todesfuge“ als auch bei den „Stolpersteinen“ der Fall. Während Paul Celan die ganz persönliche Wahrnehmung seines Einzelschicksals, also ein unmittelbar erlittenes Geschehen, in einem lyrischen Gedicht festhält und öffentlich „zu Protokoll gibt“, damit es nachlesbar und nachvollziehbar bleibt, pflastert Gunter Demnig gleichförmige „Stolpersteine“ in die Bürgersteige „vor unserer Haustür“. Es sind ebenso ungewöhnliche wie unaufdringliche Anstöße zum Innehalten und Erinnern wie zum Gedenken im Alltag.
Wo sie liegen, haben einst Menschen gewohnt und mit anderen Menschen nachbarschaftlich zusammengelebt und als Kinder mit anderen Kindern gespielt, bis sie in die Mühlen einer perfekt organisierten und von der SS gemanagten industriellen Tötungsmaschinerie des Nazi-Regimes geraten sind: Zunächst diffamiert und verfolgt, dann aus ihren Wohnungen vertrieben und in Konzentrationslager verschleppt, um, wie die Nazi-Ideologie es von Anfang an wollte und propagiert hatte, als „unwertes Lebens“ vernichtet, ausgerottet, zu werden. „Unwertes Leben“ – das waren vor allem Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma und Behinderte. An all diesen Menschen wurde die perfekt geplante „Endlösung“ vollstreckt.
Gunter Demnig will diese Ermordeten vor dem drohenden Vergessen bewahren und ihre Anonymität mit seinem Kunstprojekt überwinden. Mit jedem verlegten „Stolperstein“ hebt er das einzelne Opfer aus der unvorstellbaren Masse der „Toten ohne Begräbnis“ heraus und gibt ihm mit dem Namen auf dem Stein auch die menschliche Würde wieder zurück.
„Stolpersteine“, das sind schlichte Betonwürfel (10 x 10 x 10 cm) mit einer aufmontierten Messingplatte, darin eingraviert: „HIER WOHNTE… darunter Name, Lebens- und Todesdatum, Ort der Ermordung“ – das ist alles. Günter Demnig versteht sein Projekt als „Kunstaktion“, die „Vergangenheit mit Zukunft“ konfrontiert. Die persönliche Verlegung der Steine ist seine Signatur. In den vergangenen zehn Jahren hat Günter Demnig über 24000 „Stolpersteine“ verlegt. Diese kleinen, im Sonnenlicht goldglänzenden „Stolpersteine“ befinden sich inzwischen vor den Haustüren auf den Straßen in rd. 550 deutschen und zahlreichen Städten verschiedener europäischer Länder.
Auch in Gelsenkirchen konnten 2009 und 2010 durch die private Initiative „Gelsenzentrum“ von Andreas Jordan und seiner Frau Heike 18 Steine an 10 Stellen verlegt werden. Beide Verlegungen hat Jesse Krauß (Pito) eindrucksvoll und informativ auf Videos dokumentiert und ins Internet gestellt („gelsenkirchener-geschichten.de“).
Das Stolperstein-Projekt basiert auf zivilgesellschaftlichem Engagement. Jeder, der will, kann mitmachen und sich mit Gunter Demnig direkt in Verbindung setzen. Inzwischen haben sich zahlreiche Initiativgruppen und Patenschaften gebildet, die Einzelschicksale recherchieren, Verwandte, die überlebt haben, aufspüren und nach ehemaligen Freunden und Nachbarn suchen, um mühsam die persönlichen Geschichten einzelner Opferschicksale zu dokumentieren zu können, die sich hinter den knappen Daten auf jedem einzelnen „Stolperstein“ verbergen. Sie sammeln Spenden, vermitteln Patenschaften, stimmen Formalitäten mit Behörden ab und schaffen so die Voraussetzungen dafür, dass Gunter Demnig in seinem Transporter mit Werkzeug und Material anreisen kann, um die „Stolpersteine“ – unfallsicher – zu verlegen. Für 95 € pro Stein.
Auf diese Weise entsteht durch Demnig (Zitat:) „ein wachsendes, dezentrales Denkmal, ein Kunstwerk im ständigen Werden begriffen… eine Art ‚Soziale Skulptur’“. Denn jeder, der sich über einen „Stolperstein“ beugt, um den Namen darauf zu lesen, verneigt sich vor dem Opfer und wird zum Mitgestalter dieser Skulptur, weil er sich ganz persönlich und intim einen Augenblick lang erinnert. Damit sind die „Stolpersteine“ auch eine zivilgesellschaftliche Alternative aktiven privaten Erinnerns zu den kollektiven offiziellen Gedenkritualen vor monumentalen Denkmälern.
Gunter Demnig ist wie Sysiphus unterwegs.
Er rollt allerdings nicht ein- und denselben Stein immer wieder den Berg hinauf, sondern er bückt sich, geht auf die Knie und pflastert sie Stein für Stein in die Erde, wohl wissend, dass er mit all seinem Fleiß und seinem unermüdlichen körperlichem Einsatz nur einem Bruchteil der mehreren Millionen Opfer Namen und Würde zurückgeben kann. Gunter Demnig lässt keinen Zweifel daran, dass er weitermachen will, wenn er schreibt: „Wann ich den letzten Stein verlegen werde, weiß ich natürlich nicht. Ich bin jetzt 62. Picasso hat bis 90 gearbeitet.“
III. „Vor meiner Haustür“ – ein Lese- und Arbeitsbuch
Das von Joachim Rönneper herausgegebene Buch „Vor meiner Haustür“ versteht sich als Begleitbuch. Es ist als Lese- und Arbeitsbuch konzipiert. Ein Arbeitsbuch, weil seine breiten Seitenränder viel Platz lassen für eigene Randnotizen, seien es Fragen oder Kommentare. Vor allem aber ist es ein Lesebuch. Es informiert einleitend über das Konzept des Aktions- und Installationskünstlers Gunter Demnig, beschreibt seine Intentionen und seine Arbeitsweise und berichtet über Reaktionen, die das „Stolperstein“-Projekt ausgelöst hat.
Die Lektüre des Beitrages „Denken – Gedenken – Mahnmäler heute“ kann ich besonders empfehlen, weil der Kunstexperte Manfred Schneckenburger sich darin kritisch und aufklärend mit der Erinnerungskultur in Deutschland und mit dem, was sich heute sogar schon „Erinnerungspolitik“ nennt, befasst.
Der zweite und dritte Teil enthält literarische Texte von Autoren, die mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen das Erinnern wach und lebendig halten wollen. Ludwig Baum hat einige ausgewählt, die er uns gleich vortragen wird.
Im letzten Teil erfahren die Leser dann noch Biografisches über die Person und Künstlerpersönlichkeit Gunter Demnig.
Kurzum – das Buch ist eine runde Sache für die eckigen Stolpersteine.
IV. Stolpersteine – Stachel wider das Vergessen
Jeder „Stolperstein“ ist ein Stachel gegen das Vergessen, Verdrängen und Verschleiern und für das Erinnern an eine finstere Zeit unserer deutschen Geschichte. Denn es sind allemal grausame Geschichten und entsetzliche Schreckensbilder, von denen wir uns nur schwer eine konkrete Vorstellung machen können, wenn wir Begriffe wie Auschwitz, Holocaust, Shoa, Genozid, Endlösung, Todesmarsch hören. Allerdings können hierbei Literatur und Künste mit ihren verschiedenen Darstellungsweisen veranschaulichen und damit wahrnehmbar machen, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt. Vorausgesetzt, wir sind offen für das, was uns Literatur, Musik und bildende Künste und (in Maßen auch die Wissenschaft) vermitteln, dann können sie die Bilder in unseren Köpfen aktivieren und beeinflussen und machen das Erinnern durch uns selbst zu einem kreativen Prozess.
Erinnern heißt nicht, in Sack und Asche gehen, sondern innezuhalten und nachzudenken, um vielleicht doch aus der Geschichte für Gegenwart und Zukunft zu lernen.
Das könnte auch hilfreich sein für die aktuelle Diskussion über Zuwanderung und Integration von Menschen aus anderen Kulturen und auch für die damit einmal mehr wieder ausgelöste Debatte zum Verhältnis von Staat und Religionen in der Demokratie. Wer sie in den letzten Wochen aufmerksam verfolgt hat, konnte feststellen, dass dabei leider auch wieder rassistische Töne und Untertöne mitschwingen.
Da ist Wachsamkeit und Widerspruch und nicht Ruhe als die erste Bürgerpflicht geboten, weil es für den „im Namen des deutschen Volkes“ begangenen millionenfachen Massenmordes des Nazi-Faschismus auch nach 65 Jahren weder eine „Wiedergutmachung“ noch eine „Entschuldigung“ geben darf. Der bürgerlich-idealistische Kulturbegriff vom Guten, Schönen und Wahren ist mit der Erkenntnis zerbrochen, dass zur historischen Wahrheit auch das Böse gehört.
Dieses Faktum muss von uns ertragen, getragen und immer wieder erinnert werden. Es gehört zur deutschen Geschichte und zur deutschen Kulturnation ebenso dazu wie auch der staatenlose Europäer und Dichter Paul Celan mit seinem Werk Bestandteil der deutschen Kultur ist.
Verfasst von Enrique Abacho 

